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Die Deutsche Börse aktuell: Ausverkauf oder Neustart?

Der Kurseinbruch deutscher Aktien im Oktober gibt meines Erachtens zu Fragen Anlass, die über das tagesaktuelle Geschehen hinausgehen: Ist die schlechte Börsenperformance durch Politikversagen verursacht? Wie hat sich die Aktienkultur hierzulande entwickelt? Wo gibt es noch Zukunftsperspektiven für Anleger bei inländischen börsennotierten Unternehmen?

Politische Nachrichten prägen die Börsen nur kurzzeitig.

Angela Merkels Rückzug als Parteivorsitzende kam an der Börse sehr gut an. Warum? Ihr Rücktritt wurde als Befreiungsschlag empfunden. Kanzlerin Merkel gilt nicht als so wirtschaftsliberal wie ihr langjähriger parteiinterner Rivale Friedrich Merz, der die politische Bühne wieder besteigt. Sollte er sich als neuer Kanzler durchsetzen, könnte dies die Börse dauerhaft beflügeln. Ein „Deutschland-Malus“ würde wieder entfallen, wenn unsere Volksvertreter wieder auf Ordnungspolitik setzen.

Dann stünden im Idealfall auch die Sicherung von Wettbewerb und Rechtsstaatlichkeit wieder im Vordergrund und damit auch die derzeitige Konstruktion des Euro und die leistungs- und bürgerfeindliche Umverteilungspolitik auf dem Prüfstand. Zu viel geträumt? Wenn ein deutscher Kanzler diese Fehler korrigiert, wäre das auch für die inländische Börse langfristig sehr positiv. Selbst Merz scheint europapolitisch nichts ändern zu wollen. Für deutsche Sparer und Steuerzahler ist das fatal, für die Aktionäre nicht unbedingt. Das wäre erst dann der Fall, wenn die Geschäftszahlen der Firmen schwächer ausfielen.

Es müsste sich auch die inländische Börsenkultur ändern. Neue und innovative Ideen brauchen einen funktionierenden Zugang zu Kapital und dafür sind Aktienbörsen bestens geeignet. Leider findet das immer mehr ohne inländische Anleger statt. Die meisten großen börsennotierten Gesellschaften befinden sich inzwischen in ausländischem Besitz. Die Entwicklung inländischer Indizes werden von angelsächsischen und zunehmend auch von chinesischen Investoren bestimmt. Deutschland ist zunehmend draußen, der Finanzmarkt ist im internationalen Vergleich unterentwickelt und weit zurückgefallen.

Grundsätzlich wäre das gar kein Problem, wenn die Welt wirklich freundschaftlich zusammenwächst.

Oberflächlich müssen wir uns keine Sorgen machen. Wenn man genauer hinschaut, ergeben sich Zweifel, ob es an den Finanzmärkten allzu fair zugeht, von „Fair Play“ kann kaum die Rede sein. Das M&A-Geschäft ist beinhart und es setzt sich oft nicht der Bessere durch, sondern Derjenige mit den besseren Finanzierungsbedingungen. Es zählt eben auch, wer den funktionsfähigeren Kapitalmarkt hat. In einer Welt eines harten Standortwettbewerbs, den es immer schon gab und einem zunehmenden Protektionismus ist es von größter Bedeutung, wer die wichtigsten Aktien in Deutschland oder Europa besitzt. Vergessen Sie die Bezeichnung „deutsch“. Auch eine Deutsche Bank hat von ihrer geschäftlichen Ausrichtung als auch von ihren Eignern wenig mit diesem Land zu tun.

Als die sogenannte und vor allem von Angelsachsen kritisierte „Deutschland AG“ noch existierte, waren die Allianz, die Deutsche Bank und Siemens wesentliche Schlüsselinvestoren der größten börsennotierten Gesellschaften im Inland. Die rot-grüne Regierung unter Kanzler Schröder ermöglichte steuerfreie Veräußerungsgewinne für Großkonzerne und damit das Aus für die Deutschland AG. Die Konzerne trennten sich von wechselseitigen Beteiligungen und Tochtergesellschaften.

Statt der Schlüsselinvestoren aus der inländischen Finanzbranche nahm der Anteil internationaler Investoren zu, die inzwischen bei den großen Konzernen meist eine Mehrheit bilden. Während die USA und Großbritannien vom Funktionieren ihrer Finanzindustrie abhängig sind, ist das industrieller geprägte Inland hiervon weniger abhängig. Heute sind die wichtigsten Ankeraktionäre in Deutschland angelsächsische Fonds wie BlackRock oder Vanguard oder Norges Bank Investment Management (NBIM) neben anderen ausländischen Staatsfonds oder staatlichen Direktinvestitionen aus Ländern, die nicht immer als demokratisch lupenrein gelten können.

Inzwischen befinden sich über 50% der Anteile an DAX30-Unternehmen in ausländischen Händen.

Auch ETFs bestimmen zunehmend den Markt. Kleine Privatanleger mit einzelnen Investments fehlen dagegen wie auch eine faire Beratung und eine staatliche Förderung des Aktiensparens. Die derzeitige staatliche Regulierung verhindert aber regelrecht eine mögliche Verbreitung der nicht neuen Idee, Kleinsparer zu Aktionären zu machen. Für einen möglichen neuen Kanzler Merz, der durch seine Tätigkeit bei BlackRock aktionärsfreundlicher sein müsste, gibt es vor diesem Hintergrund viele Ansatzpunkte für Reformen. Schlag nach bei Ludwig Erhard, dann wirst Du fündig.

Ich befürchte nur, Friedrich Merz ist kein Anwalt der Kleinanleger und kein neuer Ludwig Erhard. Vermutlich ist er eher ein Anwalt für Großanleger wie BlackRock, für den er derzeit noch arbeitet. BlackRock u.a. führende Pensionsfonds werden immer mächtiger – sie bestimmen die Indizes weltweit zunehmend und haben verstärkt auch Einfluss auf die Unternehmensführung. Das sollten Sie beachten! Hinsichtlich der Börsenchancen bleibe ich dennoch Berufsoptimist. Sehen Sie die aktuellen Kursschwächen als Chancen, um einen finanziellen Puffer aufzubauen und für ihr Alter günstig vorzusorgen!

Die Internationalität des DAX 30 sollte Sie nicht davon abhalten, zu investieren.

Das fehlende Interesse inländischer Anleger ist vielleicht bedauerlich (weil ihnen Chancen entgehen und Anleihen derzeit in der Regel keine gute Alternative sind), aber das ist nicht Ihr Problem. Es gibt solide Unternehmen, die seit langem im DAX 30 gelistet und in Familienhand sind. Diese Eigner denken nicht quartalsorientiert, sondern generationsübergreifend. Nutzen Sie die derzeitige Schwächephase für strategische Käufe!

Auf gute Investments,
Ihr

Dr. Ulrich Horstmann
Analyst im Team von Max Otte

 

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