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Anlageklassen – Auf die Sicht der Anleger kommt es an

Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,

Digitalisierung und Internationalisierung machen die Welt für Kapitalanleger grundsätzlich und im Tagesgeschehen nicht einfacher – im Gegenteil, alles scheint komplexer, komplizierter zu werden und trotzdem viel schneller (Informationsfluss, Handel, Abwicklung, etc.). Für Anleger ergeben sich dadurch früher ungeahnte Chancen, aber auch neue Risiken. Das zeigt sich schon bei der Beurteilung der aktuellen Kursentwicklung.

Gerade jetzt möchte ich vor dem Einfluss der täglichen Kurszuckungen warnen. Wer denen in den letzten Tagen gefolgt ist, wurde kurz darauf schon wieder überrascht oder enttäuscht. Ich empfehle einen Blick auf den Wochenchart, dann erkennt man sofort, was Volatilität bedeutet. Wenn Sie dann auf Monatschart oder einen längeren Zeitraum klicken, geschätzte Leser, wird vor allem der Abwärtstrend sichtbar – der Dax ist immer noch deutlich unter seiner 200-Tage-Linie. Meine Warnung gilt natürlich nicht für Trader und kurzfristige Spekulanten. Aber langfristige Anleger (mindestens drei bis fünf Jahre Anlagehorizont), die noch nicht so erfahren sind, werden leicht nervös, wenn die Börse heftig zu schaukeln beginnt.

Merkels Nach-Hessen-Ankündigung eines Rückzugs in Etappen hat dem Aktienmarkt nicht auf die Beine geholfen – es war vielmehr die Nachricht, dass Friedrich Merz seinen Hut in den Ring der Nachfolgekandidaten wirft. Das bewegt seit Montag Analysten und Journalisten. Wird in Berlin jetzt neuer Reformeifer entfacht? Und wird der die Börse von den aktuellen internationalen Problemfeldern ablenken? Man kennt Merz und schätzt ihn (ich schätze ihn auch). Aber nicht alle Beobachter teilen diese optimistische Sichtweise. Beispiel Marcel Fratzscher, Chef des Forschungsinstituts DIW, wertet Merkels Verzicht auf eine erneute Kandidatur um den CDU-Vorsitz als Warnsignal: „Die Entscheidung ist ein Schock für Deutschland und Europa, der große Unsicherheit schafft." Der Stabilitätsanker Deutschland existiere so nicht mehr. „Im Gegenteil: Die Bundesrepublik wird immer mehr zu einem Risikofaktor." Solche Sorgen halte ich für voreilig und stark übertrieben. Nein, haken wir das Thema aus Börsensicht erst einmal ab. Wir müssen weiter globalen wirtschaftspolitischen Einflüssen leben, die schwerer wiegen als die Merkel-Nachfolge. Das hat die Börse schon gestern kapiert. Andererseits hat der feste Handel heute Vormittag noch nicht allzu viel zu bedeuten – bleiben Sie vorsichtig!

Eine andere Betrachtungsweise gilt der Konstruktion und dem Verständnis der einzelnen Anlageformen – sind sie zu komplex und kompliziert geworden? Bei der Regulierung der Anlageberatung spielt die Komplexität eines Finanzproduktes eine entscheidende Rolle. Mit ihrer derzeitigen Definition von Komplexität führen die Regulierer den Anleger aber häufig in die Irre. Ein neuer Ansatz der Universität Tübingen stellt nun nicht mehr das Finanzprodukt, sondern den Anwender in den Mittelpunkt.

Die Klassifizierung in komplexe und nicht-komplexe Finanzprodukte entscheidet, ob ein Wertpapier ohne Beratung zum Kauf angeboten werden darf und in welchem Umfang eine detaillierte Risikoaufklärung erforderlich ist. Die bestehende europäische Regulierung sieht eine Klassifizierung ganzer Produktgruppen vor. Eine normale Lebensversicherung wird dabei beispielsweise als nicht-komplex eingestuft, ein Dax-Future hingegen als komplex. Diese Art der Klassifizierung ist allerdings sehr allgemein. Unterschiede innerhalb der einzelnen Produktkategorien werden nicht beachtet. Der Fokus der Einteilung liegt auf dem Produkt und weniger auf dem Anwender.

In der Studie der Wissenschaftler der Universität Tübingen, die im Auftrag des Deutschen Derivate Verbands (DDV) erstellt wurde, wurde die Perspektive gewechselt und der Anwender in den Mittelpunkt gestellt. Untersucht wurden verschiedene Produkte aus den Asset-Klassen Anleihen, Aktien, Zertifikate, Derivate und Investmentfonds auf ihre Komplexität aus Sicht des Anlegers. Nach der neuen Definition gilt ein Finanzprodukt als nicht-komplex, wenn der Anleger zu jeder Zeit den genauen Wert seiner Anlage feststellen kann. Liegen jedoch keine genauen Informationen zu dem Wert des Finanzproduktes vor und muss der Anleger bei der Einschätzung des Wertes mit größeren Preisüberraschungen rechnen, gilt das Produkt als umso komplexer, je größer die Überraschung ist. Die Ergebnisse zeigen große Komplexitätsunterschiede innerhalb der einzelnen Asset-Klassen. Produkte wie Lebensversicherungen und Investmentfonds, die nach der Richtlinie MiFID II nicht-komplex sind, erwiesen sich mitunter als besonders komplex. Umgekehrt waren gerade einige vermeintlich komplexe Produkte in der Realität sehr anwenderfreundlich. Ich kann dem Kommentar von Dr. Hartmut Knüppel, Geschäftsführender Vorstand des DDV, nur zustimmen: „Entscheidend ist nicht, was der Regulierer, sondern was der Anleger unter Komplexität versteht und wie er diese wahrnimmt.“

Allerdings sollte der Anleger erkennen, dass er sich mehr denn je um sein Money Management kümmern muss, um erfolgreich zu sein. Dazu trägt natürlich auch die lange Nullzinsphase maßgeblich bei. Die Besucher des 11. Rosenheimer Börsentags am 14. Oktober waren eine eindrucksvolle Demonstration von solchen „Kümmerern“.

Machen Sie weiter mit – und machen Sie’s gut!

Hermann Kutzer

Redaktion
Aktien-Ausblick
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